Mit voller Berechtigung nennt man das sechste Lebensjahr des Kindes das Königsjahr. In diesem Jahr entwickelt sich das Kind enorm, sowohl körperlich wie auch im Gefühlsleben. Das Kind fühlt sich als "Weltmeister" wenn es jetzt etwas beherrschen kann, was für Vier- bis Fünfjährige auch motorisch noch gar nicht möglich wäre. In diesem Lebensjahr kann das Kind im Kindergarten und auch zu Hause seine erworbenen Fähigkeiten in die Praxis umsetzen. Das Sechsjährige kann dem kleineren Kindern beim Anziehen helfen, sie in die Schaukel heben, selber in den Bäumen klettern usw.

Alles das gibt dem sechsjährigen Kind Selbstvertrauen und macht es zu einer kleinen Persönlichkeit. Die vier- und fünfjährigen Kinder lassen sich immer wieder von neuen Anregungen ablenken und vergessen dabei leicht, was sie noch kurz zuvor tun wollten. Im Gegensatz dazu führt das Sechsjährige die Arbeit, die es begonnen hat, zu Ende. Man kann sich auch das Sechsjährige verlassen.

In den gemeinsamen Spielen ist das sechsjährige Kind ein wirklicher Organisator, nicht nur deshalb, weil es vielleicht das Älteste in der Gruppe ist, sondern auch, weil es Sicherheit, die zum Organisieren nötig ist, erworben hat. Meinungsverschiedenheiten unter kleineren Kindern klärt es beherrscht und selbstsicher auf und seine Entscheidungen werden akzeptiert. Den gemeinsamen Spielen kann es eine gewisse Kontinuität geben. Fünfjährige werden noch nicht auf diese Weise akzeptiert. Im sechsten Lebensjahr kann sich das Kind schon in der Gemeinschaft üben, Verantwortung tragen, anderen helfen und für sie sorgen und sich in weiteren Eigenschaften üben, die sich erst jetzt im Gefühlsleben entwickeln. Gerade in diesem Lebensjahr darf sich das Sechsjährige als das Größte empfinden.

In einem in Dänemark gemachten Versuch hat man die sechsjährigen Kinder in einem Kindergarten als eine eigene Gruppe von den Jüngeren getrennt. Das Ergebnis war sehr negativ. Kräfte, die die Sechsjährigen jetzt nicht zusammen mit den kleineren Kindern üben und entwickeln konnten, äußerten sich als plötzlich auftretende Aggressivität und als Destruktivität im Spielen. Das Gefühl, der Größte zu sein, ein Weltmeister, der die Kleineren leiten und ihnen helfen kann, wurde im Spiel der Sechsjährigen untereinander nicht genügend stimuliert, da sie nicht die Möglichkeit hatten, sich um die kleineren Kinder zu bekümmern.

An seinem ersten Schultag ist das siebenjährige Kind klein, sehr klein, aber es ist auch reif, wieder als Kleines zu beginnen. Es hat Mut, einen Sprung zu machen, wenn es lange genug das Größte sein durfte. Die siebenjährige Kinder kommen am ersten Schultag schüchtern und voller Erwartung in die Schule, aber auch voller Vertrauen. Sie konnten im vergangenen Jahr im Kindergarten und zu Hause die Größeren sein, - sie konnten ein Jahr lang "Könige" sein. Das gerade macht das Siebenjährige reif, obwohl es nie so klein und schüchtern ist, wie an seinem ersten Schultag.

Nehmen wir den Kindern nicht das Königsjahr, sondern lassen wir sie ihre "königlichen" Eigenschaften in Ruhe entwickeln: Mut und Selbstvertrauen, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und innere Unabhängigkeit.

Waldorf-Kindergarten Karlsruhe
Diese Seite wurde zuletzt am 17. Juli 2009 aktualisiert.